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Auszug aus dem 3. Buchprojekt von Melanie Ahrens

Titel:  - GEISTIG  BEFREIT -

Das Leben und die reichlichen Erfahrungen mit meinen eigenen Kindern und die Begegnungen mit anderen "geistig behinderten" Menschen haben bei mir das Gefühl hervorgerufen, dass diese Menschen nicht "geistig behindert" sind. Diese Menschen haben eine himmlische Gabe: Sie sind geistig befreit. Jegliche Hemmschwellen zu durchbrechen, das Leben zu leben, zu genießen, eine absolute Ehrlichkeit zu besitzen, Spaß zu haben, Fröhlichkeit, Herzlichkeit und Wärme zu vermitteln, all das sind Bereicherungen, um die wir diese Menschen beneiden können. Ich empfinde viele andere Menschen, die diese himmlische Gabe anscheinend nicht haben, als "geistig BE-hindert - oder auch geistig GE-hindert".

 

Achtung auf Gleis Eins

 

 

Intercity Garmisch-Partenkirchen - Heide-Holstein. Acht Uhr morgens. Drei Wochen Erholungskur im Märchenort Mittenwald liegen hinter uns. Noch völlig entspannt – wir haben die Koffer bereits vorausgeschickt Richtung Heimat – stehen meine Tochter Loreen und ich am Bahnsteig. Der Zug rollt ein. Ganz langsam und quietschend kommt er zum Stehen. Loreen hält sich die Ohren zu und fängt an zu toben. „Was hat sie denn?“ fragt mich eine grauhaarige pummelige Omi, die ein dunkelgrün-grau kariertes Kostüm trägt. „Meine Tochter hört lauter als wir. Das Quietschen schmerzt ihr in ihren Ohren.“

 

Wir steigen ein. Oh toll, ein Großraumwagen. Loreen darf am Fenster sitzen. Aber bitte in Richtung nach vorne. Sonst muss sie spucken. Rückwärtsfahren verträgt sie nicht. Der Zug fährt erst in einer halben Stunde los. Loreen hat es sich gerade auf dem Sitz bequem gemacht, da fragt sie auch schon: „Wann sind wir denn zuhause?“ „Loreen! Der Zug ist ja noch nicht einmal losgefahren. Wir fahren acht Stunden. Es dauert noch ganz lange bis wir zuhause sind.“ erkläre ich ihr. „Ach so!“ erwidert sie, obwohl sie es eigentlich gar nicht verstanden hat. Langsam füllt sich der Großraumwagen mit anderen Fahrgästen. Freundlich wie Loreen ist, begrüßt sie jeden Mitreisenden persönlich: „Moin Moin! Ich bin Loreen. Und wie heisst Du?“ „Ach, Kind! Moin Moin, das versteht hier nicht jeder. Am besten sagst Du – Guten Tag – oder – Grüß Gott -.“ sage ich zu ihr. Und wie das so Loreens Art ist und sie gerne alles nachplappert, sagt sie auch schon zu dem nächsten Fahrgast: „Moin Moin, guten Tag, grüß Gott. Bin Loreen und Du?“ Eine Frau antwortet, dass sie Hannelore heisst. Da wirft Loreen ein: „Oh, da hast Du aber einen schönen Namen bekommen!“

 

So, nun geht es gleich los.  Der Bahnbeamte holt tief Luft und pfeift erst einmal kräftig mit seiner Trillerpfeife. Ich ahne es schon ... Loreen reisst den Mund weit auf, hat diesen Panikblick und fängt fürchterlich an zu schreien. „Was hat sie denn?“ fragt mich nun ein junger Mann, der auf der Tastatur seines Laptops herumtippt. „Meine Tochter hört etwas lauter als wir. Das Pfeifen mag sie nicht hören.“ antworte ich. Aber der Mann tippt schon weiter. Ich weiss gar nicht, ob er mir überhaupt richtig zugehört hat. Der Zug rollt los. Zeit für Loreen, die Gegend unsicher zu machen. Ich werfe mal eben einen Blick in die Tageszeitung, während ich Loreen nebenbei beobachte. Da höre ich wie sie mit einigen Leuten ins Gespräch kommt. Was man Gespräch so nennen kann. Loreen redet wie ein Wasserfall, die Leute nicken und sagen: „Ja wirklich? Ach so! Tatsächlich? In Ordnung!“

 

Die erste Station haben wir hinter uns. Dreissig Minuten haben wir schon geschafft. Ich bin ganz zufrieden. Ein paar neue Fahrgäste steigen ein. Der Bahnbeamte pfeift und ... Loreen dreht durch. Einer der neuen Fahrgäste, wieder ein junger Mann, fragt sie: „Was haschtn?“ Loreen antwortet völlig aufgelöst unter Tränen, während der zerkaute Keks, den sie zuvor in den Mund geschoben hat, in Brocken herausfällt: „Waaaas??? Loreen ist ganz traurig. Alles soooooo laut!“ Der junge Mann steuert auf meine Richtung zu und setzt sich zu mir. Loreen folgt ihm. Als er merkt, dass sie zu mir gehört, schaut er sich um. Er guckt wohl, ob woanders noch ein Platz frei ist, aber das sieht schlecht aus. Loreen setzt sich auf ihren Platz, nachdem sie sich beruhigt hat.

 

Während wir weiterfahren, macht Loreen so eigenartige Geräusche und sagt dann: „Loreen muss spucken!“ Oh nein, ich vergaß ja ganz, dass ihr nicht nur beim Rückwärtsfahren übel wird, sondern auch, wenn sie seitlich aus dem Fenster guckt und draußen alles so schnell an ihr vorbeirauscht. Ich frage den jungen Mann, ob er am Fenster sitzen möchte. Der willigt ein. Ich verfrachte Loreen auf den anderen Sitz. „A mol a bisserl Luft schnappe wär net schlecht. Das huilft bei derer Übelkäääät!“ informiert mich der junge Mann. „Jo, schoine frische Luft moken geiht hier nicht. Und utstiegen während de Fohrt is wohl ok schlech!“ denke ich so bei mir. Ich kann nicht so gut Plattdeutsch.

 

So langsam merke ich, dass ungefähr zehn Prozent meiner Kurerholung flöten gehen. Eigentlich war ich im Rechnen immer sehr schlecht, aber wenn ich mir ausrechne, dass ich pro Stunde zehn Prozent an Erholung verliere und wir ganze acht Stunden unterwegs sind ... dann ... Nein, ich denke lieber nicht weiter darüber nach. Ohne großartige Zwischenfälle – bis auf zweimaliges Durchdrehen von Loreen aufgrund der Pfeife des Bahnbeamten, immer wiederkehrender Erklärungen meinerseits an andere Fahrgäste, warum dieses Kind bei lauten Geräuschen so schreit - haben wir die vierte Station erreicht. Das viermalige zum Klo gehen und das Kind dort auf zwei Quadratmetern Platz wickeln, erwähnen wir hier gar nicht erst. Ja, mein Kind wird mit sechs Jahren noch gewickelt. Sie ist noch nicht so weit.

 

Nun wollen wir erst einmal was essen. „Schmeckt nicht!“ sagt Loreen und verzieht das Gesicht und glotzt zu dem älteren Herrn nebenan, der eine, zwei und drei Knackwürste mit Senf verdrückt. Ich schaue Loreen mit zusammengekniffenen Augen an, aber meine Warnung versteht sie irgendwie nicht. Sie springt von ihrem Sitz herunter, streckt dem Herrn das durchgeweichte Käsebrot entgegen und fragt höflich: „Hier! Du auch mal?“ Der Herr schaut verdutzt, während der Senf an seinem grauen Schnurrbart hängt. Er kann gar nicht so schnell antworten wie Loreen schon hinzufügt: „Und Loreen dann eine Wurst haben?“ Dieses Kind ... Naja, Knackwürste wären mir ehrlich gesagt auch lieber als diese Käsebrote, die wir ungefähr vor sieben Stunden geschmiert haben. Ich packe die Brote wieder ein und hole die Tüte Chips heraus, die ich mir zusammen mit der Tageszeitung am Bahnhofskiosk gekauft hatte. Loreen hat inzwischen eine Knackwurst, einen Apfel und eine Cola abgestaubt.

 

An der achten Station – ich dachte das ist ein Intercity und der fährt durch ... – steigen mal wieder neue Fahrgäste ein. Als der Bahnbeamte pfeift und Loreen schreit und sich die Ohren zuhält, fragt ein anderer älterer Herr, der soeben den Großraumwagen betritt: „Was hat die Kleine denn?“ Und bevor ich etwas antworten kann, sagt der knackwurstessende ältere Herr – ich glaube er hat mittlerweile die zehnte Wurst verdrückt -: „Die Kleine hört lauter als wir. Sie hat was mit den Ohren.“ Oh, vielen Dank, das ist ja hier wie bei einer Großfamilie. Wir essen zusammen, wir machen zusammen Späße und halten zueinander. Eine ältere Frau, die schon die ganze Zeit am Socken stricken ist, sitzt etwas weiter weg von mir. Sie ruft mir zu: „Schläft sie denn auch mal, die Kleine? Macht sie auch mal eine Mittagsstunde?“ „Nein, eher selten. Eigentlich gar nicht. Und schlafen nur nachts.“ rufe ich zurück. Und wie wir uns so aus der Ferne unterhalten, merken wir gar nicht, dass Loreen ungefähr sechs Meter Wollknäulfaden durch den Großgrauwagen zieht. Oh nein. Wie lang ist eigentlich der ganze Zug? „Loreen, jetzt setze Dich doch einmal einen Augenblick hin!“ „Nein!“ ruft sie energisch. „Du kommst jetzt zu mir. Ich werde gleich böse.“ sage ich schon etwas lauter. Da ruft Loreen: „Und ich habe nein gesagt!“

 

Ich merke, Loreen ist in Topform. Das bekommt nun auch die automatische Schiebetür zu spüren, über die man zum nächsten Großraumwagen gelangt. Tür auf, Tür zu. Tür auf, Tür zu. Tür auf, Tür zu. Nur leider zieht es etwas ... Und schongleich hat Loreen im Großraumwagen nebenan etwas entdeckt. Ein Farbiger mit einem Kassettenrekorder – Ghettoblaster heisst das wohl – sitzt dort. Loreen rappt erst einmal einen ab. Dann ruft sie ihm zu: „Du bist ja ganz schwarz!“ Ich entschuldige mich und zerre Loreen zurück in unseren Wagen und schubse sie in ihren Sitz. Loreen trinkt erst einmal etwas und dann muss sie auch schon wieder eine neue Windel umhaben. Auf dem Weg zum Klo kommen wir an dem jungen Mann vorbei, der die ganze Zeit auf seinem Laptop herumtippt. „Auch mal tippen!“ sagt Loreen. Es ist keine Frage, es ist ein Befehl. Im Stillen denke ich: „Bitte, lass sie einmal tippen. Nur einen einzigen Buchstaben. Das würde schon reichen.“ Aber es ist schon zu spät: „Nein, das darfst Du nicht!“ sagt der junge Mann. Er sagt es ganz höflich, aber das ist bei Loreen egal. Es quillt aus ihr hervor: „Verschwinde! Du Schuft! Ab in Dein Zimmer! Lass Dich hier nie wieder blicken!“ „Bitte entschuldigen Sie. Sie meint das nicht so. Sie ist gerade in einer anderen Welt. Sie ist gerade nicht Loreen.“ Auf dem Weg zum Klo weckt Loreen dann noch einen Opi, der kräftig schnarcht. Ist ja auch zu laut.

 

Als wir vom Klo zurückkommen, sage ich zu Loreen: „Wir sind gleich zuhause. Wir ziehen schon mal die Jacken an.“ Mein Schädel brummt. Wovon? Ich frage mich, ob Loreen nerviger ist oder die beiden jungen Mädchen nebenan, deren Handys dauernd bimmeln und die sich lauthals über ihre verflossenen Männerbekanntschaften inklusive Bettgeschichten unterhalten.

 

Über acht Stunden Bahnfahrt liegen hinter uns. Ich packe meinen Rucksack zusammen, während Loreen die Leute verabschiedet: „Tschüß Hermann! Tschüß Gisela! Tschüß Thomas! Habe Euch alle sooooo lieb. Tolle Eisenbahn! Grüßt alle schön! Bis bald!“ Und während wir das letzte Mal die Richtung zur elektrischen Schiebetür einschlagen, rufe ich noch in den Großraumwagen: „Wir fahren nicht so oft mit der Bahn. Nur alle drei Jahre mal. Die Chance, mal wieder mit uns Bahn zu fahren, ist also äußerst gering.“ 

 

 

Die Texte und Fotografien auf dieser Seite unterliegen dem Copyright von Melanie Ahrens.

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Stand: 13.05.08