Intercity
Garmisch-Partenkirchen -
Heide-Holstein. Acht Uhr morgens. Drei Wochen Erholungskur
im Märchenort Mittenwald liegen hinter uns. Noch völlig entspannt – wir
haben die Koffer bereits vorausgeschickt Richtung Heimat – stehen meine
Tochter Loreen und ich am Bahnsteig. Der Zug rollt ein. Ganz langsam und
quietschend kommt er zum Stehen. Loreen hält sich die Ohren zu und fängt an
zu toben. „Was hat sie denn?“ fragt mich eine grauhaarige pummelige Omi, die
ein dunkelgrün-grau kariertes Kostüm trägt. „Meine Tochter hört lauter als
wir. Das Quietschen schmerzt ihr in ihren Ohren.“
Wir steigen ein. Oh
toll, ein Großraumwagen. Loreen darf am Fenster sitzen. Aber bitte in
Richtung nach vorne. Sonst muss sie spucken. Rückwärtsfahren verträgt sie
nicht. Der Zug fährt erst in einer halben Stunde los. Loreen hat es sich
gerade auf dem Sitz bequem gemacht, da fragt sie auch schon: „Wann sind wir
denn zuhause?“ „Loreen! Der Zug ist ja noch nicht einmal losgefahren. Wir
fahren acht Stunden. Es dauert noch ganz lange bis wir zuhause sind.“
erkläre ich ihr. „Ach so!“ erwidert sie, obwohl sie es eigentlich gar nicht
verstanden hat. Langsam füllt sich der Großraumwagen mit anderen
Fahrgästen. Freundlich wie Loreen ist, begrüßt sie jeden Mitreisenden
persönlich: „Moin Moin! Ich bin Loreen. Und wie heisst Du?“ „Ach, Kind! Moin
Moin, das versteht hier nicht jeder. Am besten sagst Du – Guten Tag – oder –
Grüß Gott -.“ sage ich zu ihr. Und wie das so Loreens Art ist und sie gerne
alles nachplappert, sagt sie auch schon zu dem nächsten Fahrgast: „Moin Moin,
guten Tag, grüß Gott. Bin Loreen und Du?“ Eine Frau antwortet, dass sie
Hannelore heisst. Da wirft Loreen ein: „Oh, da hast Du aber einen schönen
Namen bekommen!“
So, nun geht es gleich
los. Der Bahnbeamte holt tief Luft und pfeift erst einmal kräftig mit
seiner Trillerpfeife. Ich ahne es schon ... Loreen reisst den Mund weit auf,
hat diesen Panikblick und fängt fürchterlich an zu schreien. „Was hat sie
denn?“ fragt mich nun ein junger Mann, der auf der Tastatur seines Laptops
herumtippt. „Meine Tochter hört etwas lauter als wir. Das Pfeifen mag sie
nicht hören.“ antworte ich. Aber der Mann tippt schon weiter. Ich weiss gar
nicht, ob er mir überhaupt richtig zugehört hat. Der Zug rollt los. Zeit für
Loreen, die Gegend unsicher zu machen. Ich werfe mal eben einen Blick in die
Tageszeitung, während ich Loreen nebenbei beobachte. Da höre ich wie sie mit
einigen Leuten ins Gespräch kommt. Was man Gespräch so nennen kann. Loreen
redet wie ein Wasserfall, die Leute nicken und sagen: „Ja wirklich? Ach so!
Tatsächlich? In Ordnung!“
Die erste Station haben
wir hinter uns. Dreissig Minuten haben wir schon geschafft. Ich bin ganz
zufrieden. Ein paar neue Fahrgäste steigen ein. Der Bahnbeamte pfeift und
... Loreen dreht durch. Einer der neuen Fahrgäste, wieder ein junger Mann,
fragt sie: „Was haschtn?“ Loreen antwortet völlig aufgelöst unter Tränen,
während der zerkaute Keks, den sie zuvor in den Mund geschoben hat, in
Brocken herausfällt: „Waaaas??? Loreen ist ganz traurig. Alles soooooo
laut!“ Der junge Mann steuert auf meine Richtung zu und setzt sich zu mir.
Loreen folgt ihm. Als er merkt, dass sie zu mir gehört, schaut er sich um.
Er guckt wohl, ob woanders noch ein Platz frei ist, aber das sieht schlecht
aus. Loreen setzt sich auf ihren Platz, nachdem sie sich beruhigt hat.
Während wir
weiterfahren, macht Loreen so eigenartige Geräusche und sagt dann: „Loreen
muss spucken!“ Oh nein, ich vergaß ja ganz, dass ihr nicht nur beim
Rückwärtsfahren übel wird, sondern auch, wenn sie seitlich aus dem Fenster
guckt und draußen alles so schnell an ihr vorbeirauscht. Ich frage den
jungen Mann, ob er am Fenster sitzen möchte. Der willigt ein. Ich verfrachte
Loreen auf den anderen Sitz. „A mol a bisserl Luft schnappe wär net
schlecht. Das huilft bei derer Übelkäääät!“ informiert mich der junge Mann.
„Jo, schoine frische Luft moken geiht hier nicht. Und utstiegen während de
Fohrt is wohl ok schlech!“ denke ich so bei mir. Ich kann nicht so gut
Plattdeutsch.
So langsam merke ich,
dass ungefähr zehn Prozent meiner Kurerholung flöten gehen. Eigentlich war
ich im Rechnen immer sehr schlecht, aber wenn ich mir ausrechne, dass ich
pro Stunde zehn Prozent an Erholung verliere und wir ganze acht Stunden
unterwegs sind ... dann ... Nein, ich denke lieber nicht weiter darüber
nach. Ohne großartige Zwischenfälle – bis auf zweimaliges Durchdrehen von
Loreen aufgrund der Pfeife des Bahnbeamten, immer wiederkehrender
Erklärungen meinerseits an andere Fahrgäste, warum dieses Kind bei lauten
Geräuschen so schreit - haben wir die vierte Station erreicht. Das
viermalige zum Klo gehen und das Kind dort auf zwei Quadratmetern Platz
wickeln, erwähnen wir hier gar nicht erst. Ja, mein Kind wird mit sechs
Jahren noch gewickelt. Sie ist noch nicht so weit.
Nun wollen wir erst
einmal was essen. „Schmeckt nicht!“ sagt Loreen und verzieht das Gesicht und
glotzt zu dem älteren Herrn nebenan, der eine, zwei und drei Knackwürste mit
Senf verdrückt. Ich schaue Loreen mit zusammengekniffenen Augen an, aber
meine Warnung versteht sie irgendwie nicht. Sie springt von ihrem Sitz
herunter, streckt dem Herrn das durchgeweichte Käsebrot entgegen und fragt
höflich: „Hier! Du auch mal?“ Der Herr schaut verdutzt, während der Senf an
seinem grauen Schnurrbart hängt. Er kann gar nicht so schnell antworten wie
Loreen schon hinzufügt: „Und Loreen dann eine Wurst haben?“ Dieses Kind ...
Naja, Knackwürste wären mir ehrlich gesagt auch lieber als diese Käsebrote,
die wir ungefähr vor sieben Stunden geschmiert haben. Ich packe die Brote
wieder ein und hole die Tüte Chips heraus, die ich mir zusammen mit der
Tageszeitung am Bahnhofskiosk gekauft hatte. Loreen hat inzwischen eine
Knackwurst, einen Apfel und eine Cola abgestaubt.
An der achten Station –
ich dachte das ist ein Intercity und der fährt durch ... – steigen mal
wieder neue Fahrgäste ein. Als der Bahnbeamte pfeift und Loreen schreit und
sich die Ohren zuhält, fragt ein anderer älterer Herr, der soeben den
Großraumwagen betritt: „Was hat die Kleine denn?“ Und bevor ich etwas
antworten kann, sagt der knackwurstessende ältere Herr – ich glaube er hat
mittlerweile die zehnte Wurst verdrückt -: „Die Kleine hört lauter als wir.
Sie hat was mit den Ohren.“ Oh, vielen Dank, das ist ja hier wie bei einer
Großfamilie. Wir essen zusammen, wir machen zusammen Späße und halten
zueinander. Eine ältere Frau, die schon die ganze Zeit am Socken stricken
ist, sitzt etwas weiter weg von mir. Sie ruft mir zu: „Schläft sie denn auch
mal, die Kleine? Macht sie auch mal eine Mittagsstunde?“ „Nein, eher selten.
Eigentlich gar nicht. Und schlafen nur nachts.“ rufe ich zurück. Und wie wir
uns so aus der Ferne unterhalten, merken wir gar nicht, dass Loreen ungefähr
sechs Meter Wollknäulfaden durch den Großgrauwagen zieht. Oh nein. Wie lang
ist eigentlich der ganze Zug? „Loreen, jetzt setze Dich doch einmal einen
Augenblick hin!“ „Nein!“ ruft sie energisch. „Du kommst jetzt zu mir. Ich
werde gleich böse.“ sage ich schon etwas lauter. Da ruft Loreen: „Und ich
habe nein gesagt!“
Ich merke, Loreen ist
in Topform. Das bekommt nun auch die automatische Schiebetür zu spüren, über
die man zum nächsten Großraumwagen gelangt. Tür auf, Tür zu. Tür auf, Tür
zu. Tür auf, Tür zu. Nur leider zieht es etwas ... Und schongleich hat
Loreen im Großraumwagen nebenan etwas entdeckt. Ein Farbiger mit einem
Kassettenrekorder – Ghettoblaster heisst das wohl – sitzt dort. Loreen rappt
erst einmal einen ab. Dann ruft sie ihm zu: „Du bist ja ganz schwarz!“ Ich
entschuldige mich und zerre Loreen zurück in unseren Wagen und schubse sie
in ihren Sitz. Loreen trinkt erst einmal etwas und dann muss sie auch schon
wieder eine neue Windel umhaben. Auf dem Weg zum Klo kommen wir an dem
jungen Mann vorbei, der die ganze Zeit auf seinem Laptop herumtippt. „Auch
mal tippen!“ sagt Loreen. Es ist keine Frage, es ist ein Befehl. Im Stillen
denke ich: „Bitte, lass sie einmal tippen. Nur einen einzigen Buchstaben.
Das würde schon reichen.“ Aber es ist schon zu spät: „Nein, das darfst Du
nicht!“ sagt der junge Mann. Er sagt es ganz höflich, aber das ist bei
Loreen egal. Es quillt aus ihr hervor: „Verschwinde! Du Schuft! Ab in Dein
Zimmer! Lass Dich hier nie wieder blicken!“ „Bitte entschuldigen Sie. Sie
meint das nicht so. Sie ist gerade in einer anderen Welt. Sie ist gerade
nicht Loreen.“ Auf dem Weg zum Klo weckt Loreen dann noch einen Opi, der
kräftig schnarcht. Ist ja auch zu laut.
Als wir vom Klo
zurückkommen, sage ich zu Loreen: „Wir sind gleich zuhause. Wir ziehen schon
mal die Jacken an.“ Mein Schädel brummt. Wovon? Ich frage mich, ob Loreen
nerviger ist oder die beiden jungen Mädchen nebenan, deren Handys dauernd
bimmeln und die sich lauthals über ihre verflossenen Männerbekanntschaften
inklusive Bettgeschichten unterhalten.
Über acht Stunden
Bahnfahrt liegen hinter uns. Ich packe meinen Rucksack zusammen, während
Loreen die Leute verabschiedet: „Tschüß Hermann! Tschüß Gisela! Tschüß
Thomas! Habe Euch alle sooooo lieb. Tolle Eisenbahn! Grüßt alle schön! Bis
bald!“ Und während wir das letzte Mal die Richtung zur elektrischen
Schiebetür einschlagen, rufe ich noch in den Großraumwagen: „Wir fahren
nicht so oft mit der Bahn. Nur alle drei Jahre mal. Die Chance, mal wieder
mit uns Bahn zu fahren, ist also äußerst gering.“
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